Neurowissenschaften, Ethik & Recht

Electric Self-Stimulation and Homosexual Man (1972)

Krass.. Ich bin geschockt..  Dass man die Experimente mit Ratten, denen man Elektroden in ihr Belohnungszentrum implantiert hatte, die sie durch Hebeldrücken selbst auslösen konnten, auch auf Menschen übertragen hatte, war mir klar. Welche Ausmaße das hatte, nicht. Einer der Pioniere, der amerikanische Forscher Heath, setzte in den 50ger Jahren einigen  Patienten Elektroden ins Gehirn ein, die sie über eine Vorrichtung selbst steuern konnten. Selbstverständlich ging es damals nur um Patienten, die man anders nicht heilen konnte.. naja, also höchst fragwürdige Experimente mit psychisch Kranken. Bei bestimten Hinregionen konnten positive Empfindungen erzeugt werden, häufig auch sexueller Natur (in diesem Originalvideo erwähnt eine offenbar geistig eingeschränkte Patientin ihren “sexy-button”, und dass es dann “all the way down” gehe).

 

Bei Tieren entdeckte man schnell, wie hervorragend sich der direkte Zugang zum Belohnungszentrum als positiver Verstärker zum Konditionieren einsetzen ließe. Was ich nicht wusste: Genau diesen Effekt setzte man auch beim Menschen ein. Und zwar zur Förderung der Heterosexualität. Ich habe lange kein Paper gelesen, das auf jeder Seite abstruser, nein verstörender wurde, und kann nur jedem Interessierten empfehlen, diese 7 Seiten zu lesen Moan / Heath (1972). Septal Stimulation for the Initiation of Heterosexual Behavior in a Homosexual Male. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry. 3: 23-30. (inoffical link here)

Die Gruppe um Heath implantierte einem 24-jährigen Patienten, der offensichtlich an den gesellschaftlichen Folgen seiner Homosexualität litt,  Elektroden in die septal region (im limbischen System).  Als positive Verstärker stimulierte man das Belohnungssystem während man ihm hetereosexuelle Filme vorspielte …(und so weiter).. Zeitweilig war er dabei “close to overwhelming euphoria” und man musste ihn gegen seinen “vigorous protest” disconnecten. Doch die Stimulierung schien Wirkung zu zeigen, er reagierte nun auch auf die konditionierten weiblichen Stimuli…. Heterosexualität lässt sich also konditionieren..

Das ist schon hart – und jetzt wirds richtig bizarr: Weil das alles so gut funktionierte, wollte man es dann auch gleich ganz vollbringen. So ließ man unter einer Sondergenehmigung (USA!) eine 21-jährige Prostituierte ins Labor kommen, richtete den zweien ein Zimmer mit privacy ein und verlängerte die aus dem Gehirn hängenden Kabel ins Nachbarzimmer, damit sich die beiden ungestört begegnen konnten -  während der Patient die ganze Zeit am EEG angeschlossen war.

Anschließend soll der Patient tatsächlich heterosexuelle Liebschaften gehabt haben.

Nein, sowas konnte ich mir tatsächlich nicht vorstellen. .Wer ähnliche Studien kennt, her damit..

  • Danke für den spannenden Link – ich kannte den Fall nicht. Wenn man sich aber anschaut, wie experimentierfreudig beispielsweise José Delgado mit elektrischer Hirnstimulation umging, dann überrascht es mich nicht wirklich. Vielleicht eignet sich das Beispiel für unsere universitäre Lehre.

    1972, das war gerade zwei Jahre, bevor sich die American Psychiatric Association dazu durchrung, Homosexualität nicht länger als psychiatrische Erkrankung aufzufassen; in Deutschland blieb sie immerhin noch bis 1994 strafbar. Kann man sich das heute noch vorstellen?

  • P.S. Der Korrektheit halber: bis 1992 strafbar blieben homosexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen, ab 1973 waren gleichgeschlechtliche Akte unter Erwachsenen in der BRD nicht mehr strafbar.

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